Montag, 26. Oktober 2026
Eine Kirche, von Siedlern gebaut
Ein Familiengottesdienst am 1. November erinnert an die Weihe von St. Hildegard vor sieben Jahrzehnten.
Die Kirche St. Hildegard in der Ludwigshafener Gartenstadt wird 70 Jahre alt. Am 4. November 1956 wurde das Gotteshaus in der Niederfeld-Siedlung geweiht. Die Gemeinde feiert das Jubiläum am Sonntag, 1. November 2026, um 11 Uhr mit einem Familiengottesdienst in der Kirche. Anschließend lädt sie zu einem Umtrunk ein.
Seit sieben Jahrzehnten kommen die Menschen der Siedlung in St. Hildegard zusammen, um zu beten, zu feiern und einander zu begegnen. Viele von ihnen haben das Gemeindeleben in dieser Zeit aufgebaut und mitgetragen. Der Gottesdienst bietet Gelegenheit, dankbar zurückzublicken und zugleich nach vorn zu schauen. Eingeladen sind die Gemeinde und alle, die sich der Kirche auf ihre Weise verbunden fühlen. Beim Umtrunk nach dem Gottesdienst bleibt Zeit für Gespräche und Erinnerungen.
Ein Blick zurück
Die Niederfeld-Siedlung entstand ab 1932. Ihre Bewohner errichteten ihre kleinen Siedlerhäuser weitgehend mit eigenen Händen. Eine Kirche für die damalige „Adolf-Hitler-Siedlung“ war bereits für 1939 geplant. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs machte das Vorhaben jedoch zunichte.
Bald nach Kriegsende griff Kaplan Bernardin Sahner die Idee wieder auf. Im Herbst 1946 schenkte die BASF der katholischen Gemeinde eine alte Gefangenenbaracke, die fortan als Notkirche diente. Die Gemeinde wuchs, und die Baracke wurde schnell zu klein. Am 19. Juni 1955 folgte der erste Spatenstich für einen Neubau. Wieder packten die Siedler selbst an: Mehr als 7.000 Stunden leisteten sie in freiwilliger Arbeit. Ihre Erfahrung vom Bau der eigenen Häuser kam ihnen dabei zugute. Am 4. November 1956 weihte die Gemeinde ihre neue Kirche, das erste feste Gotteshaus der Siedlung.
Den Entwurf lieferte der Ludwigshafener Architekt Heinrich Hebgen. Er verabschiedete sich von der klassischen Rechteckform: Das Kirchenschiff öffnet sich fächerförmig und läuft zum Altar hin schmaler zu. „Dabei sollte die Länge des Raumes keine zu große Ausdehnung erfahren, um die betende Gemeinde möglichst nahe mit dem Geschehen am Altar zu verbinden“, erläuterte Hebgen seine Planung. Die einschiffige Hallenkirche ist nach Osten ausgerichtet. Ihr Stahlbetonkern ist mit gelblich-rotem Sandstein verblendet, ein typisches Merkmal der Architektur der 1950er Jahre. Einzelne Steine setzte Hebgen in Kreuzform vor die Fassade. Das belebt die Außenwand, brachte der Kirche damals aber auch Kritik ein. Für eine einfache Siedlungskirche sei sie zu repräsentativ, meinten manche.
Den Blick zieht vor allem der erhöhte Mittelteil der Fassade auf sich, den eine große Fensterwand ausfüllt. Ihre Farben wandeln sich von kräftigem Rot im unteren Teil über Grünblau bis zu reinem Weiß ganz oben. In der Mitte erscheint die Namenspatronin, die heilige Hildegard. Hebgen selbst verglich die Fensterwand mit einem gläsernen Teppich. Auch im Innern spielt das Licht eine große Rolle. Hoch oben an den Längsseiten stellen zehn runde Fenster in gedämpften Grün- und Grautönen die Zehn Gebote dar, darunter hängen die Kreuzwegstationen. Die Fenster im Altarraum zeigen Zeichen der Sakramente. Dort hängt auch ein großes Holzkreuz. Wird es beleuchtet, wirft es Schatten nach links und rechts, und es entsteht das Bild einer Kreuzigungsgruppe. Neben der Kirche ragt der freistehende Glockenturm gut 30 Meter in die Höhe.
Seit 1993 steht St. Hildegard unter Denkmalschutz. Heute gehört die Kirche zur Pfarrei Heilige Katharina von Siena, zu der auch St. Bonifaz und St. Hedwig in der Gartenstadt, St. Michael in Maudach und St. Joseph in Rheingönheim zählen.
Ein Altar aus der Garage
Das jüngste Kapitel der Kirchengeschichte begann in einer Garage, nur wenige Schritte von der Kirche entfernt. Hier baute Gemeindemitglied Frieder Metz ab Januar 2023 einen neuen Altar. Seine Materialien wählte der pensionierte Kinderarzt mit Bedacht. Er verwendete Holz aus ausgemusterten Kirchenbänken, dazu Holz aus dem Kloster St. Hildegard in Eibingen, das auf die Namenspatronin zurückgeht, und ein Stück aus dem Speyerer Dom als Mutterkirche des Bistums. Aus Eibingen kamen dicke Bohlen einer Douglasie. Der Dom steuerte eine Platte aus rotem Pfälzer Sandstein bei. Sie verschließt das Sepulcrum, eine kleine Vertiefung in der Altarplatte für die Reliquie. Nach Angaben der Gemeinde handelt es sich um ein Knochenstück der heiligen Hildegard von Bingen. Ein Kreuz aus dunklem Holz der alten Kirchenbänke ist als Intarsie in die Platte eingelegt. Pfarrer Josef D. Szuba weihte den Altar am 15. April 2023.
Text und Bilder: Dr. Anette Konrad

