Montag, 16. Februar 2026

"Ein Glas ist schon zu viel"

Ein klares Signal gegen FASD: Interview mit Schwangerschaftsberaterin Pia Giammeluca vom Caritas-Zentrum Ludwigshafen zur Wanderausstellung im Heinrich Pesch Haus

Ein Glas Sekt beim Anstoßen, ein Bier auf der Party – was harmlos klingt, kann für Ungeborene lebenslange, unheilbare Schäden verursachen. Schwangerschaftsberaterin Pia Giammeluca erklärt im Interview, warum die Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) die häufigste vollständig vermeidbare angeborene Erkrankung ist und weshalb die Ausstellung "ZERO! – Wenn schwanger, dann ZERO!" vor allem junge Menschen erreichen muss.

Was war der Auslöser, diese Ausstellung nach Ludwigshafen zu holen?

 Vor zwei Jahren nahm ich an einer Netzwerkkonferenz zum Thema FASD teil. Dort habe ich verstanden, dass selbst ein einziges Glas Alkohol – unabhängig davon, zu welchem Zeitpunkt es in der Schwangerschaft getrunken wird – schwere dauerhafte Schäden verursachen kann, die man ansonsten vor allem von Kindern Schwangerer mit schwerer Alkoholproblematik kennt. Hinzu kommen die hohen Fallzahlen. Allein in Rheinland-Pfalz erhalten jedes Jahr über 700 Kinder die Diagnose FASD.

Ein dritter Punkt ist eine Erinnerung aus meiner Teenagerzeit: Damals gab es das weit verbreitete Plakat mit der Aufschrift „Keine Macht den Drogen“. Heute ist das Bewusstsein für die Gefahr von Alkohol in der Schwangerschaft erschreckend gering: Viele Frauen wissen nicht, dass sie während der gesamten Schwangerschaft vollständig auf Alkohol verzichten müssen. Wenn sie dann zum ersten Mal zum Frauenarzt gehen oder zu uns in die Beratung kommen, haben sie oft bereits unbewusst Alkohol getrunken.

Aus all diesen Gründen haben wir uns entschieden: Wir wollen aktiv aufklären, und deshalb holen wir die Wanderausstellung nach Ludwigshafen.

FASD ist, wie Sie gerade erwähnt haben, ja eine sehr häufige angeborene Erkrankung – deutschlandweit geht man von circa 15.000 Kindern im Jahr aus. Warum ist das Thema trotzdem so wenig bekannt?

 Das hat mehrere Gründe. Zuerst: Alkohol ist in unserer Gesellschaft eine akzeptierte Droge. Ob beim Ausgehen, beim Geburtstag oder einer Party – Alkohol ist immer dabei. Hinzu kommt der hartnäckige, aber falsche Mythos, dass ein Glas Alkohol in der Schwangerschaft nicht schade. Ein dritter Faktor: Zuverlässige Diagnoseverfahren für FASD existieren erst seit wenigen Jahren. Viele Fälle werden bis heute nicht erkannt oder zum Beispiel fälschlich als ADHS diagnostiziert.

Welche konkreten Folgen hat Alkoholkonsum in der Schwangerschaft?
 

Alkohol ist ein Nervengift, das ungehindert durch die Nabelschnur in den Blutkreislauf des Fötus und direkt in sein sich entwickelndes Gehirn gelangt. Dort verursacht er neurologische Schäden, die sich nicht rückgängig machen lassen.

Wir verwenden eine spezielle Babypuppe, an der sich die äußeren Merkmale von FASD gut erkennen lassen: So stehen die Ohren häufig ab, die Rinne unter der Nase ist glatt, Finger und/oder Zehen sind teilweise zusammengewachsen. Die Babys sind oft sehr dünn. Manches wächst sich im Laufe der Entwicklung aus, die neurologischen Störungen bleiben jedoch lebenslang. Die Kinder sind sehr unruhig, schlafen schlecht. FASD ist für Kinder und die Familien eine große Belastung – und gleichzeitig ist sie zu 100 Prozent vermeidbar.

Welche Angebote gibt es für betroffene Familien und Menschen mit FASD – und wo sehen Sie Lücken im Hilfesystem?

 Leider gibt es bislang viel zu wenig Unterstützungsangebote. Wir als Caritas können hier beraten und es gibt Selbsthilfegruppen. Über BINE – Beratungs- und Informationsnetzwerk für FASD (www.bine-fas.de) sowie FASD Deutschland e.V. (www.fasd-deutschland.de/regionale-ansprechpartner) können betroffene Familien Hilfe erhalten.

Wie kann das Umfeld Schwangere konkret unterstützen, bei „Zero“ zu bleiben?
 

Ich glaube, wir brauchen die Akzeptanz, dass Menschen sich entscheiden, keinen Alkohol zu trinken. Frauen dürfen nicht wegen ihres Verzichts gehänselt, unter Druck gesetzt oder ausgegrenzt werden. Partner, Freunde und Familie können und müssen hier unterstützen.

Über die fälschliche Annahme „Ein Glas schadet nicht“ haben wir schon gesprochen. Gibt es noch weitere Mythen rund um Alkohol in der Schwangerschaft?
 

Ein besonders gefährlicher Irrglaube hält sich hartnäckig: Viele Menschen glauben, dass Alkohol am Anfang einer Schwangerschaft unschädlich sei. Doch das ist falsch. Sobald man mit der Familienplanung beginnt und die Verhütung absetzt, sollte man vollständig auf Alkohol verzichten. Meist weiß man in den ersten vier bis sechs Wochen nichts von einer Schwangerschaft – und genau in dieser Zeit entwickeln sich die wichtigsten Organe und das Gehirn des Kindes.

Wie wird das Thema in der Ausstellung umgesetzt?
 

Die Ausstellung ist interaktiv und anschaulich aufgebaut. Das Herzstück bildet ein Zelt, das den Uterus darstellt. BesucherInnen erhalten anschauliche Einblicke in die Entwicklung des ungeborenen Kindes und können nachvollziehen, wie Alkohol auf den Fötus wirkt. Menschen mit FASD kommen selbst zu Wort und schildern, wie sehr die Erkrankung ihren Alltag prägt und welche Hürden sie in Schule, Ausbildung, Beruf und sozialen Beziehungen immer wieder überwinden müssen. Anschließend kann man das erworbene Wissen in einem Quiz testen.

Welche Zielgruppe möchten Sie besonders erreichen?
 

Jugendliche und junge Erwachsene. Das sind die Eltern von morgen. Auch Lehrkräfte sind wichtige Multiplikatoren für unsere Zielgruppe. Wir haben für alle Ludwigshafener Schulen fertig ausgearbeitetes Unterrichtsmaterial für fünf Unterrichtsstunden erworben, das nach der Ausstellung für die Schulen freigeschaltet wird. Uns ist es wichtig, möglichst viele junge Menschen zu erreichen und aufzuklären.

Wenn Sie Schwangeren oder Personen mit Kinderwunsch einen Satz mitgeben dürften – welcher wäre das?

Keinen Alkohol auf dem Weg  zur Schwangerschaft und in der Schwangerschaft.

 

Terminhinweis:
 

Die Wanderausstellung „Wenn schwanger, dann ZERO!“ ist vom 23. bis 27. Februar 2026 im Heinrich-Pesch-Haus (Frankenthaler Straße 229, Ludwigshafen) zu sehen. Ergänzt wird die Ausstellung durch zwei Fachvorträge am Montag, 23. Februar, und Mittwoch, 25. Februar, jeweils um 14 Uhr. Referentin ist Katrin Lepke, stellvertretende Vorsitzende von FASD Deutschland e. V.

 

Die Ausstellung ist vormittags für angemeldete Schulklassen geöffnet. An den Nachmittagen (14 bis 17 Uhr) steht sie allen Interessierten offen. Der Eintritt in die Ausstellung ist frei, für die Vorträge beträgt die Teilnahmegebühr 10 Euro.

 

Interview und Bilder: Dr. Anette Konrad