Montag, 16. März 2026
"Sie spielt wie ein Mann"
Es war ein Abend, der aufhorchen ließ: Im Heinrich Pesch Haus widmete sich ein musikalisch-literarisches Programm Komponistinnen, deren musikalisches Schaffen über Jahrhunderte hinweg überhört, übergangen oder ihren männlichen Kollegen zugeschrieben wurde.
Pressemeldung
Während Namen wie Bach, Beethoven und Mozart untrennbar mit klassischer Musik verbunden sind, fristeten viele talentierte Komponistinnen ein Dasein im Schatten. Nicht, weil es ihnen an Begabung fehlte, sondern weil gesellschaftliche Strukturen und Rollenerwartungen ihnen den Zugang zu Ausbildung, Bühne und Verlag erschwerten.
Das gilt bis heute: „Dirigate und Komposition sind besonders betroffen. Sie sind noch immer stark männlich geprägt“, sagte Komponistin und Bundesverdienstkreuzträgerin Dr. Charlotte Seither in ihrem Impuls. Zwar habe sich die Situation verbessert – 1971 lag der Anteil weiblicher Orchestermusikerinnen bei 6 Prozent, 2020 bereits bei 40 Prozent –, doch von 129 öffentlich geförderten Orchestern werden bis heute nur vier von Frauen geleitet.„Unsere Aufgabe ist es, Chancen zu fördern, dass Frauen sich in gleicher Weise ausbilden und einbringen können“, betonte Charlotte Seither und forderte: „Nehmen Sie sich als positives Rollenvorbild für junge Frauen. Nehmen Sie die Gleichstellung in jede Situation Ihres Alltags mit und sprechen Sie darüber.“
Nach dieser Bestandsaufnahme der Gegenwart führten Sonja Haub, Mezzosopranistin und Bildungsreferentin der Kath. Erwachsenenbildung Pfalz, und Maria Mokhova, Pianistin, Organistin und Dozentin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt sowie der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg, das Publikum durch den Abend. In eindrucksvoller Verbindung von Musik und Erzählung machten sie die Lebenswege und Werke von Barbara Strozzi (1619 – 1677), Fanny Hensel (geb. Mendelssohn) (1805 – 1847), Clara Schumann (1819 – 1896) und Ethel Smyth (1858 – 1944) lebendig.
So erzählte Sonja Haub von Barbara Strozzi, die im Barock als 25-Jährige ihr erstes Madrigalbuch herausgab, dem acht Sammlungen mit über 125 Werken folgten. Sie stellte Fanny Hensel vor, die über 450 Stücke komponierte, von denen viele unveröffentlicht blieben oder unter dem Namen ihres Bruders Felix Mendelssohn herausgegeben wurden. Diese Komponistin war es auch, über die ein Lehrer einmal gesagt hat :„Sie spielt wie ein Mann“. Haub berichtete weiter von Clara Schumann, der berühmtesten Pianistin ihrer Zeit, die ihr Leben lang mit verschiedenen Rollen jonglierte und nicht nur die Werke ihres Mannes, sondern auch ihre eigenen auf die großen Konzertbühnen brachte. Und sie zeichnete ein lebhaftes Bild von Ethel Smyth, die nicht nur komponierte, sondern sich auch für das Frauenwahlrecht einsetzte. Von ihr stammt der Ausspruch: „Ich möchte, dass Frauen sich großen und schwierigen Aufgaben zuwenden. Sie sollen nicht dauernd an der Küste herumlungern, aus Angst davor, in See zu stechen.“ Deutlich wurde, dass die Frauen bei aller Unterschiedlichkeit eines verbindet: Alle hielten sich nicht an die Konventionen ihrer Zeit und brauchten viel Kraft und Engagement, um ihr Talent ausleben zu können.
Den Kurzbiografien folgten jeweils zwei ausgewählte Musikstücke, denen Haubs ausdrucksstarker Mezzosopran Tiefe und Präsenz verlieh. Sie lotete dabei das gesamte emotionale Spektrum aus – fein nuanciert, warm und mit erzählerischer Kraft. Maria Mokhova erwies sich als gleichberechtigte Partnerin am Klavier. Ihr Spiel zeichnete sich durch eine Mischung aus technischer Präzision und tiefem musikalischen Ausdruck aus. Sie fand für jede Epoche und jede Emotion die richtige klangliche Nuance.
„Die Sichtbarkeit von Frauen ist nach wie vor ein zentrales Thema im Kontext von Geschlechtergerechtigkeit. Auch in der Musik zeigt sich, wie wichtig es ist, die künstlerischen Leistungen von Frauen sichtbar zu machen, zu würdigen und ihnen den Raum zu geben, der ihnen zusteht. Die gezielte Anerkennung der musikalischen Betätigung von Frauen ist daher kein Sonderfall, sondern ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu einer vielfältigeren Bildungs- und Kulturlandschaft“, sagte Ulrike Gentner, stellvertretende Direktorin des Heinrich Pesch Hauses. Und die Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Ludwigshafen und des Rhein-Pfalz-Kreises, Tamara Niemes und Kornelia Tildmann, ergänzten: „Der Internationale Frauentag erinnert daran, dass Fortschritt immer dort einsetzt, wo Menschen Verantwortung übernehmen, um echte Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern herzustellen: in der Familie, an Schulen, am Arbeitsplatz, in der Politik. Gleichstellung ist Weg und Ziel zugleich."
Es handelte sich um eine Kooperationsveranstaltung des Heinrich Pesch Hauses mit der KEB Bistum Speyer, den Gleichstellungsstellen der Stadt Ludwigshafen und des Rhein-Pfalz-Kreises, der kfd und dem KDFB. (ako)
Bilder: HPH


