Mittwoch, 18. März 2026
Zuhören, dableiben, da sein
Regina Pietsch ist ehrenamtliche Hospizbegleiterin auf der Palliativstation des St. Marienkrankenhaus Ludwigshafen. Immer montags von 14 Uhr bis 17 Uhr ist sie im Einsatz.
„Bitte nicht stören. Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Gespräch“ steht auf dem Schild an der Tür. Dahinter sitzt Regina Pietsch bei einem Menschen am Bett, im Gespräch oder einfach still daneben. Mit 63 Jahren, im Ruhestand als Bankkauffrau, hat sie hier ihre Berufung gefunden: als ehrenamtliche Hospizbegleiterin. Jeden Montag von 14 bis 17 Uhr begleitet die 64-jährige Neuhofenerin schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen.
Der Weg ins Ehrenamt
„Ich wollte schon lange etwas Ehrenamtliches machen", erinnert sie sich – doch so richtig passte nichts. 2019 las sie dann von der Ausbildung zur Hospizbegleiterin und spürte sofort: „Das ist es!“. Was andere Menschen oft meiden – das Gespräch über Krankheit und Tod – war für Regina Pietsch nie ein Problem: „Ich mag Menschen, und ich habe kein Problem damit, sie zu berühren."
2020 begann sie die Ausbildung. Zwar bremste die Pandemie sie anfangs aus, doch Anfang 2021 startete sie endlich durch. Seitdem widmet sie jeden Montag einen halben Tag den Menschen auf der Palliativstation – ein Ritual, das ihr Leben bereichert: „Die Woche beginnt für mich gut, wenn ich hier bin“, sagt sie.
Von Zimmer zu Zimmer
Die Arbeit auf der Palliativstation ist vielfältig. Regina Pietsch geht von Zimmer zu Zimmer, stellt sich vor und bietet ihre Begleitung an. „Manche sind erst ablehnend. Dann schaue ich genau hin: Ist das wirklich so, oder wissen sie nur nicht, was sie mit mir anfangen sollen?"
Ein behutsames „Möchten Sie einen Tee?", „Ist Ihnen zu kalt?“ oder eine Frage nach dem Haustier kann Türen öffnen. „Ein Patient hat mir einmal von jedem seiner Hunde und jeder Katze erzählt. Seine Augen haben geblitzt – er war völlig weg von seiner Krankheit", berichtet sie.
Andere sagen sofort: „Trinken Sie doch einen Kaffee mit mir.“ Und dann wird erzählt. Die Richtung gibt immer der Patient vor. Und manchmal, erzählt sie, reiche es auch, einfach eine Hand zu halten. „Eine Sterbende wurde unter meiner Begleitung immer ruhiger. Das war schön zu sehen“, erinnert sich Regina Pietsch.
Mehr als ein Besuch: Begegnungen, die bleiben
Regina Pietsch ist nicht nur für die Patienten da, sondern auch für deren Angehörige – sei es der Enkel, der mit dem nahenden Tod seiner Großmutter nicht umgehen kann, oder die Familie mit einjährigen Zwillingen, die eine Auszeit braucht.
Sie entlastet auch das Pflegepersonal, indem sie Gespräche übernimmt oder kleine Botengänge erledigt, etwa Blutproben ins Labor bringt oder etwas aus einer anderen Abteilung holt. Ein Essenstablett abräumen, ein Kopfkissen aufschütteln – das ist für sie selbstverständlich. Pflegerische Tätigkeiten wie etwa die Hilfe beim Toilettengang hingegen darf sie nicht leisten.
Was bleibt – und was sie mitnimmt
Herausfordernd sind für sie vor allem Menschen mit fortgeschrittener Demenz. „Da sehe ich oft meinen Vater vor mir.“ Besonders nahe ging ihr eine polnische Patientin, die im Zuge der Demenz ihre deutschen Sprachkenntnisse verloren hatte und nicht mehr wusste, wer oder wo sie war. „Das war anstrengend und traurig, weil ich sie nicht verstehen konnte“, sagt sie.
„Zu 98 Prozent bereichert mich diese Arbeit", sagt Regina Pietsch. Manchmal nimmt sie Erlebnisse mit nach Hause – dann hilft das Gespräch mit ihrem Mann, die Supervision oder das Schreiben. Denn seit einem prägenden Bildungsurlaub 2019 hat sie eine „Schreibstimme, die gehört werden will“, und bereits mehrere Bücher veröffentlicht.
Doch am Ende jedes Montags geht sie meist erfüllt nach Hause – im Wissen, dass sie Menschen in einer besonderen Lebensphase ein Stück Menschlichkeit geschenkt hat.
Offenheit verändert
Ihre eigene Familie hat ihr ehrenamtliches Engagement verändert. Wurde in ihrer eigenen Familie früher kaum über Krankheit oder Tod gesprochen, ist das heute anders. „Meine Mutter fragt nach und spricht offen darüber, wie Bestattung und Abschied einmal aussehen sollen“, schildert Regina Pietsch. (ako)
