Mittwoch, 22. Mai 2019

Kitaleiterinnen kritisieren geplantes Kitagesetz

Cornelia Kruspel, Leiterin der Kita Christ König, Heike Schindeldecker, Leiterin der Kita Heilig Geist, sowie Bärbel Wendt, Leiterin der Kita St. Bonifaz, habeneinen gemeinsamen Brief an Ministerin Dr. Stefanie Hubig geschrieben.

Darin kritisieren sie den Inhalt des geplanten Kitagesetzes.

Der Brief im Wortlaut:

„Sehr geehrte Frau Staatsministerin,
die kürzlich von Ihrem Ministerium an alle Kitas verteilte Broschüre „Besser für alle“ hat viele katholische KitaleiterInnen und ErzieherInnen aus Ludwigshafen schlichtweg schockiert.
Seit 2016 schildern wir die schon jetzt nicht mehr tragbaren Rahmenbedingungen in unseren Kitas. Auch an Sie haben wir schon mehrere Schreiben gerichtet, die die deutliche Mehrbelastung der ErzieherInnen der letzten Jahre detailliert beschreibt und Verbesserungen anmahnt und vorschlägt.
Auch unser Dachverband, die LIGA, hat vielfach Eingaben getätigt, die allesamt unerhört blieben.
Leider wurde im neuen Kitagesetz nichts von unseren Eingaben umgesetzt. Im Gegenteil: Die schon jetzt nicht weiter tolerierbaren Rahmenbedingungen wurden noch einmal deutlich verschlechtert.
Folgend möchten wir zu einigen Punkten der Broschüre näher eingehen:
 +10% / verbesserte Personalquote:
In unseren Kitas sinkt die Personalzuwendung um 5-10% und das bei erweiterten Betreuungstunden (7 Std. durchgehende Betreuung statt bisher 6-6,5), dem damit verbundenen Mehraufwand durch Mittagessen für alle, sowie die gleiche Personalberechnung für zwei- bis sechsjährige Kinder.                                                                          Dies führt zudem dazu, dass die festgelegte Betreuungsobergrenze für zweijährige Kinder von bislang 6 Kinder pro Gruppe entfällt, was einen deutlich höheren Betreuungs- und Pflegeaufwand zur Folge hat.
Zusätzliche Sprachförderkräfte sind ersatzlos gestrichen.
An mehreren Stellen sprechen Sie von bester Bildung.                                                                 Der neue geringere Personalschlüssel, der zudem weiterhin keinerlei Ausfallzeiten durch Urlaub, Fortbildung und Krankheit der ErzieherInnen berücksichtigt, wird dazu führen, dass viele Bildungsangebote wegfallen werden. (Beispielsweise können nicht 2 ErzieherInnen mit 14 Schulanfängern die Feuerwehr besuchen, wenn dann nur noch 3 ErzieherInnen für die restlichen 36 Kinder von 2-4 Jahren zuständig sind – Beispiel aus einer zweigruppigen Kita)
Mit diesem Gesetz läuten Sie die Rückkehr zur reinen Betreuungs- bzw. Verwahreinrichtung ein, denn Bildung wird weitgehend nicht mehr umzusetzen sein.
Auch die von uns geforderte Festschreibung von Vorbereitungszeiten fehlt gänzlich. Ohne diese lassen sich jedoch weder Bildungsangebote planen, noch Entwicklungsgespräche mit den Eltern und Entwicklungsdokumentationen realisieren.
Hier möchten wir noch anfügen, dass die Personalberechnung im 1999 vom Landkreistag und dem Städtetag Rheinland-Pfalz, sowie der evangelischen und der katholischen Kirche verabschiedeten Papier „Selbstkontrolle von Personalkosten in Kindergärten“ einen deutlich höheren Stellenschlüssel ausweist bei Betreuungszeiten von 6 Std.

13,5 Mio. / Stärkung der Küchen:
In mehreren Zeitungsartikeln wurde hier ein Betrag von ca. 5.000 € pro Kita genannt. Dieser reicht sicherlich nicht ansatzweise aus, um alle Kitas für ein Mittagessen für alle Kinder auszustatten.Kinder und Beruf? Na klar!


Der Anspruch von sieben Stunden durchgängiger Betreuung klingt für die Eltern sehr gut und wird auch von ErzieherInnenseite zur besseren Vereinbarung von Familie und Beruf befürwortet. Dieser wird jedoch mit den im Gesetz verankerten Bedingungen nicht zu schaffen sein.
Bei der vorgesehenen Personalzuwendung kann der Kitabetrieb ausschließlich aufrechterhalten werden, wenn das gesamte Personal anwesend ist.  Bei 1 ErzieherIn für 10 Kinder im Alter von 2 – 6 Jahren ist jedoch lediglich Betreuung statt Bildung möglich!

Da das komplette Personal aufgrund von Fortbildungen (5 Tage pro Jahr und ErzieherIn), Urlaub außerhalb der Schließzeiten (6-10 Tage pro Jahr und ErzieherIn) sowie Krankheitstagen (5-10 Tage pro Jahr und ErzieherIn) und Kinderkrankheitstagen für die eigenen Kinder (denn auch sehr viele ErzieherInnen sind Mütter und Väter! 10 Tage pro Kind bis 12 Jahren) nur sehr bedingt zutrifft, wird es zwangsweise zu sehr vielen Einschränkungen der Öffnungszeiten kommen müssen.
Bei einer Einrichtung mit 10 ErzieherInnen errechnet sich so eine Minderbesetzung von ca. 240 und mehr Tagen im Jahr bei durchschnittlich 230 Öffnungstagen.
Die von Ihnen versprochene Verlässlichkeit der Betreuungszeiten für unsere Eltern ist damit ab absurdum geführt.
Schon jetzt müssen viele Kitas bei Personalmangel Maßnahmen laut unseres erarbeiteten Notfallplans ergreifen, die die Kinder nicht erwerbstätiger Eltern in besonderem Maß von der Reduzierung der Betreuungszeit in der Kita betreffen. Diese Kinder entstammen oftmals aus sozial schwächeren Familien und/oder Familien mit Migrations- oder Flüchtlingshintergrund.
Wo bleibt hier das von Ihnen so hoch gelobte Recht auf Bildungs- und Chancengleichheit?
Die Aufgabe von Sozialpolitik sollte sein, genau dies auszuschließen.

Bei Schließungen unserer Einrichtungen werden wir unsere frustrierten Eltern zukünftig gerne an Sie weiterleiten.

Die besten Erzieherinnen und Erzieher für die besten Kitas!
Hier verweisen Sie auf den Ausbau der Ausbildungsplätze und die Förderung attraktiver Ausbildungsmodelle.
Diese Bemühungen erkennen wir sehr wohl an, möchten aber bemerken, dass sie nicht zwangsläufig auch zu einer guten Qualität in der Einrichtung sorgen.
Viele Auszubildende und fertig ausgebildete ErzieherInnen erfüllen leider nicht die für unseren Beruf grundlegenden Kompetenzen wie Empathiefähigkeit, Vorbildfunktionen und Sprachkompetenz in Wort und Schrift. Diese Voraussetzungen sind unabdingbar um den uns anvertrauten Kindern in dieser sehr langen außerfamiliären Betreuungszeit eine sichere Bindungsatmosphäre und eine gute Beziehungsqualität zu bieten. Mangelnde Sprachkompetenz macht es schwierig Sprachvorbild für Kinder mit Migrationshintergrund zu sein, Entwicklungsdokumentationen zu schreiben und Entwicklungsgespräche zu führen.

In der Einleitung Ihrer Broschüre beschreiben Sie, dass das neue Kita- Zukunftsgesetz für einen „Vorsprung an Chancen- und Gerechtigkeit für Kinder und junge Familien“ in Rheinland-Pfalz steht.
Die Realität in Ludwigshafen sieht dagegen völlig anders aus. Allein in diesem Kita-Jahr (2018/19) fehlen ca. 1000 Kitaplätze. Auf den Wartelisten der Kitas stehen auch 4-5- jährige Kinder.
Für alle diese Kinder und Familien, sowie für alle vom Kitagesetz betroffenen Fachkräfte ist Ihre Broschüre „Besser für alle!“ ein einziger Schlag ins Gesicht.
Für ein Kita- Zukunftsgesetz mit realistischer Bildungs- und Chancengleichheit muss deutlich mehr in die Rahmenbedingungen der Kitas investiert werden.
Ihr Gesetz kann sich in dieser Form keinesfalls Kita- Zukunftsgesetz nennen!
Uns ist durchaus bewusst, dass Sie sicherlich viele Schreiben dieser Art erhalten werden, dennoch würden wir uns über eine Rückmeldung Ihrerseits freuen.“